Interview: Bert Schumacher
Leiter Kreislauf-/Abfallwirtschaft und Bodenschutz, Bezirksregierung Detmold
Deponieraum sparen, Kosten stabilisieren, Region stärken: Kreislaufwirtschaft als Standortfaktor
Im Rahmen des Projekts BzP BUBB OWL – Pilotierung zirkulärer Flächen und Deponieräume haben wir mit Bert Schumacher, Leiter Kreislauf-/Abfallwirtschaft und Bodenschutz bei der Bezirksregierung Detmold, über die Herausforderungen und Chancen einer regionalen Boden- und Bauschuttbörse gesprochen.
Schumacher betont dabei besonders den volks- und betriebswirtschaftlichen Nutzen einer funktionierenden Kreislaufführung:
„Wir müssen das Bewusstsein dafür schaffen, dass wir durch eine Bodenbauschuttbörse, die Deponievolumina spart, auch volks- und betriebswirtschaftlich bei den Abfallwirtschaftsbehörden etwas Positives machen.“
Massenabfälle belasten Deponiekapazitäten
Ostwestfalen-Lippe ist keine rein ländliche Region, sondern eine wirtschaftlich starke und dynamische Region in Nordrhein-Westfalen. Die intensive Bautätigkeit führt jedoch zu großen Mengen an Abfällen – insbesondere Boden und Bauschutt. Diese mineralischen Massenabfälle belasten die vorhandenen Deponiekapazitäten erheblich.
Deponien sind teuer in Bau, Betrieb und Nachsorge und werden über Abfallgebühren finanziert. Daher besteht ein großes Interesse daran, bestehende Deponien möglichst lange zu nutzen und den Bedarf an neuen Deponieräumen zu reduzieren.
Boden und Bauschutt als Ressource – nicht als Abfall
Ein zentraler Ansatz besteht darin, Boden und mineralische Bauabfälle möglichst gar nicht erst zu Abfall werden zu lassen oder – sofern sie unbelastet sind – wieder in den Stoffkreislauf zurückzuführen. Recycling schützt natürliche Ressourcen, spart Energie im Vergleich zur Neuproduktion und ist sowohl volkswirtschaftlich als auch betriebswirtschaftlich sinnvoll.
Gleichzeitig gewinnt der Bodenschutz an Bedeutung: Boden ist ein nicht erneuerbares Gut, dessen Struktur und Funktionen bei Baumaßnahmen möglichst erhalten bleiben müssen.
Zuständigkeiten und Vollzug: komplexe Rahmenbedingungen
Schumacher erläutert, dass die rechtlichen und organisatorischen Zuständigkeiten in der Abfallwirtschaft komplex sind. Für Deponien der Klassen 0 und 1 sind die Kreise zuständig, während die Bezirksregierung als obere Abfall- und Bodenschutzbehörde beratend, koordinierend und im Rahmen der Fachaufsicht tätig wird.
Weitergehende Steuerungsmöglichkeiten ergeben sich insbesondere im immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsverfahren, da hier Abfallvermeidung, Ressourcenschutz und Umweltbelange verbindlich geregelt werden können.
In der Praxis bestehen jedoch Defizite im Vollzug und in der Kontrolle. Der Wegfall von Abrissgenehmigungen bei kleineren Vorhaben sowie eine eingeschränkte Kontrolle der Gewerbeabfallverordnung reduzieren Steuerungsmöglichkeiten. Ohne wirksame Überwachung besteht die Gefahr, dass aus Kostengründen der einfachste Entsorgungsweg gewählt wird – also Deponierung oder Verbrennung statt Recycling.
Öffentliche Ausschreibungen als wichtiger Hebel
Großes Potenzial sieht Schumacher im Bereich öffentlicher Ausschreibungen. Nach dem Kreislaufwirtschaftsgesetz des Landes NRW besteht die Verpflichtung, vorrangig Recyclingmaterial einzusetzen, sofern dies technisch und wirtschaftlich möglich ist.
Dabei sollte „wirtschaftlich möglich“ nicht ausschließlich über den Materialpreis definiert werden, sondern auch Folgekosten, Ressourcenschonung, Energieverbrauch und langfristige Deponiekosten berücksichtigen. Diese Vorgaben würden bislang jedoch noch zu wenig konsequent umgesetzt.
Steuerung durch frühzeitige Beprobung und digitale Transparenz
Ein weiteres zentrales Thema ist die rechtliche Einordnung von Materialien: Häufig gelten Stoffe zunächst als „Abfall“, insbesondere wenn sie zwischengelagert oder aufbereitet werden. Dafür sind in der Regel Genehmigungen erforderlich.
Durch frühzeitige Beprobung, getrennte Lagerung und klare Analysen – perspektivisch unterstützt durch digitale IT-Datenbanken – könnten Stoffströme gezielter gesteuert und Vermischungen vermieden werden. So ließen sich Materialien ohne erneute umfangreiche Prüfungen schneller wiedereinsetzen.
Zwischenlager können sowohl privatwirtschaftlich als auch öffentlich-rechtlich betrieben werden. Boden- und Bauschuttbörsen sollen dabei Transparenz schaffen, Deponieraum sparen, Nachsorgekosten senken und die Region wirtschaftlich stärken.
Fazit: Kreislaufwirtschaft schafft Planungssicherheit
Schumacher macht deutlich: Eine klar organisierte, transparente Abfallwirtschaft erhöht auch für Investoren die Planungssicherheit. Je strukturierter und verlässlicher Entsorgungswege sind, desto attraktiver ist eine Region für wirtschaftliche Ansiedlungen.
Richtig umgesetzt kann eine stärkere Kreislaufführung daher nicht nur Ressourcen schonen und Deponien entlasten, sondern langfristig auch zu stabilen oder sogar geringeren Kosten führen – bei gleichzeitigem Umwelt- und Klimaschutz.
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