Interview: Dominik Campanella
Geschäftsführer Concula GmbHR
Wissen, Standards und Digitalisierung als Schlüssel für funktionierende Materialmärkte
Im Rahmen des Projekts BzP BUBB OWL – Pilotierung zirkulärer Flächen und Deponieräume haben wir mit Dominik Campanella, Geschäftsführer der Concula GmbH, über die strukturellen Herausforderungen und Entwicklungsperspektiven des Marktes für Recyclingbaustoffe gesprochen.
Campanella bringt es auf den Punkt:
„Der Markt stockt wegen fehlendem Wissen, mangelnden Kapazitäten bei Kommunen und widersprüchlichen Aussagen zwischen Angebot und Nachfrage.“
Klare Voraussetzungen für eine Boden- und Bauschuttbörse
Für den erfolgreichen Betrieb einer Boden- und Bauschuttbörse braucht es aus seiner Sicht drei zentrale Elemente:
klare Qualitätsstandards, logistisch günstig gelegene Lagerflächen und ökonomische Anreize. Eine digitale Plattform kann dabei helfen, Materialdaten systematisch zu erfassen, Transportwege zu optimieren und Logistikkosten zu senken.
Entscheidend ist zudem eine präzise Bestimmung und Zertifizierung der Materialien durch Bodengutachter. Neben objektiven Prüfwerten spielt dabei auch die „gefühlte Qualität“ eine wichtige Rolle – sie beeinflusst maßgeblich die Akzeptanz von Recyclingmaterialien bei Bauherren. Digitale Materialerfassung und die Anwendung bestehender Standards wie der DIN SPEC 91484 können hier zu mehr Transparenz und Vertrauen beitragen.
Regulierung als Markttreiber
Campanella sieht große Potenziale in den aktuellen regulatorischen Entwicklungen auf EU- und Bundesebene. Die EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) führt verbindliche CO₂-Grenzwerte und eine verpflichtende Ökobilanzierung ein und stärkt damit die Nachfrage nach emissionsarmen Baustoffen. Ergänzend sorgen verpflichtende Deconstruction Audits für mehr Transparenz über künftig verfügbare Materialmengen.
Ab dem kommenden Jahr soll zudem eine zentrale Gebäudedatenplattform eingeführt werden, um Gebäudedaten dauerhaft zu speichern und manuelle Audits zunehmend durch automatisierte Analysen zu ersetzen. Auch auf Landesebene werden Impulse gesetzt: Die NRW-Wohnraumförderung unterstützt die Digitalisierung von Baumaterialien und die Einführung von Gebäuderessourcenpässen bei förderfähigen Projekten.
Marktaktivierung durch klare Anforderungen
Trotz wachsendem Interesse fehlt es in vielen Kommunen bislang an verlässlichen Strukturen für den Einsatz von Recyclingmaterialien. Während private Unternehmen häufig über ein zu geringes Materialangebot klagen, bleibt die öffentliche Hand bei Ausschreibungen oft zurückhaltend. Campanella plädiert daher für verbindliche Vorgaben im öffentlichen Bereich, eine bessere Vernetzung aller Stakeholder und gut dokumentierte Pilotprojekte, um Unsicherheiten abzubauen.
Perspektive: Ein wirtschaftlich tragfähiges System
Langfristig empfiehlt Campanella ein freiwilliges, wirtschaftlich attraktives System:
Bauherren melden ihre Materialien, spezialisierte Unternehmen übernehmen Aufbereitung und Logistik, und rechtliche Unsicherheiten werden durch verbindliche Normen reduziert. Digitale Matching-Tools können dabei helfen, große Materialmengen effizient zu koordinieren – eine Grundvoraussetzung für die Wirtschaftlichkeit von Bodenaufbereitungsanlagen.
Ein praxisorientiertes Handbuch mit klaren Prozessen und definierten Rollen aller Beteiligten könnte den Aufbau weiterer Boden- und Bauschuttbörsen unterstützen und zur Etablierung funktionierender regionaler Stoffkreisläufe beitragen.
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