Interview: Henning Schreiber
Vorstand EMiL Entsorgungswirtschaft
Minden-Lübbecke AöR
Im Rahmen des Projekts BzP BUBB OWL – Pilotierung zirkulärer Flächen und Deponieräume haben wir mit Henning Schreiber, Vorstand der EMiL Entsorgungswirtschaft Minden-Lübbecke AöR, über die Rolle der Entsorgungswirtschaft in einer zirkulären Bau- und Ressourcenwirtschaft gesprochen.
Für Schreiber ist klar: Die Entsorgungsbranche muss sich künftig noch stärker als aktiver Mitgestalter verstehen – nicht nur als letzter Schritt in einer linearen Kette.
„Der Wunsch, aktiv mitzugestalten, ist einer der Treiber hinter der Idee der Smart Recycling Factory.“
Ressourcen frühzeitig mitdenken
Ein zentrales Anliegen ist für ihn der bewusste Umgang mit Materialien, lange bevor sie deponiert werden. Materialien sollten besser getrennt, gezielter eingebaut und systematischer dokumentiert werden, um später leichter auf sie zurückgreifen zu können – etwa bei Ressourcenknappheit oder neuen technologischen Möglichkeiten.
Besonders herausfordernd sind dabei Verbundmaterialien wie Wärmedämmverbundsysteme oder Gips, die sich häufig nicht vor Ort trennen lassen. Hier fordert Schreiber eine feinere Differenzierung in Rückbau- und Deponieprozessen, um Recycling und Wiederverwertung realistisch zu ermöglichen.
Von Regelwerken zur Praxis
Zwar existieren bereits gute regulatorische Leitplanken, doch deren Umsetzung müsse konsequent erfolgen und an manchen Stellen nachgeschärft werden, um Chancengleichheit und wirtschaftliche Gerechtigkeit sicherzustellen.
Visionen zur Kreislaufwirtschaft seien nur dann wirksam, wenn sie praxisnah und wirtschaftlich tragfähig sind.
Zugleich braucht es laut Schreiber klare Anreize:
Steigende Emissionszertifikatpreise, Mindesteinsatzquoten oder Nachweispflichten könnten dazu beitragen, Materialien bereits vor thermischen Prozessen besser vorzubereiten und zu sortieren.
Smart Recycling Factory: Entsorgung als Innovationsmotor
Aus diesem Anspruch heraus entstand das Konzept der Smart Recycling Factory:
Die Expertise der Entsorger soll gezielt genutzt werden, um normative Vorgaben weiterzuentwickeln und modellhafte Projekte aktiv mitzugestalten.
Dazu gehören:
temporäre Zwischenlager mit sicherer Bodenentlastung und langfristiger Nutzungsplanung
neue Logiken der Flächennutzung
und integrierte digitale Lösungen
Digitalisierung als Schlüssel
Digitale Plattformen spielen für Schreiber eine zentrale Rolle:
Sie ermöglichen Materialbörsen, Container-Logs, Transportkoordination und eine transparente Darstellung von Materialart, Güte, Mengen und Transportrelationen.
Entscheidend sei jedoch nicht nur die Technik, sondern vor allem eine klare Struktur aus Akteuren, standortgebenden Flächen und einer offenen, integrativen digitalen Plattform – verbunden mit einer unbürokratischen Zusammenarbeit von Behörden, Flächenanbietern und Nutzern.
Fazit
Das Interview zeigt:
Zirkuläre Deponieräume und Flächen sind kein reines Infrastrukturthema – sie sind Ausdruck eines grundlegenden Perspektivwechsels.
Entsorgung wird damit vom Endpunkt zum strategischen Baustein einer zukunftsfähigen Kreislaufwirtschaft.
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